Raumluft in Schulen und Kitas (RA-421/2017)

vom 12. Oktober 2017

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, in der ARD-Sendung „Plusminus“ vom 11.10.17 wurde wieder einmal ganz aktuell vor gefährlichen Schadstoffen in Schulen gewarnt. Chemnitz führt laut Aussage der Reportage wie elf andere von 79 Großstädten über 100.000 Einwohner regelmäßige Messungen durch. Letztes Jahr hieß es jedoch noch, es würde nur einzelfallbezogen und bei konkreten Verdachtsmomenten gemessen, siehe RA-251/2016. Daher bitte ich um die Beantwortung folgender Fragen:
1) In wie vielen Kitas und Schulen kommunaler Trägerschaft wurde seit 2014 die Raumluft nach Schadstoffen untersucht? Wie oft mit und ohne Anlass?
2) In welchen Fällen wurden ggf. Grenzwerte für CO², Feinstaub, Lösemittel und chemische Schadstoffe wie PCB, Schimmel durch Feuchtigkeit usw. überschritten?
3) Inwiefern hat sich nunmehr etwas an der Stellungnahme zur BA-041/2015 geändert?
4) Gibt es „Dienstanordnungen“ für richtiges Lüften und werden diese umgesetzt? Wie teuer wäre es, jede Einrichtung (im Idealfall jeden Raum) mit einer CO²-Ampel wie in der o.g. Reportage auszurüsten?

Dr. Roland Katzer

Antwort: Sehr geehrter Herr Dr. Katzer, zu Ihrer Ratsanfrage teile ich Ihnen im Auftrag der Oberbürgermeisterin Folgendes mit:

Gemäß § 1 (1) dem Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst im Freistaat Sachsen (SächsGDG) vom 11. Dezember 1991
– „[…] fördert und schützt der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) die Gesundheit der Menschen,
– beobachtet und bewertet der ÖGD die gesundheitlichen Verhältnisse von Menschen und bei Tieren einschließlich der Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf die Gesundheit (gesundheitlicher Umweltschutz),
– wacht der ÖGD darüber, dass die Anforderungen der Hygiene eingehalten werden mit dem Ziel, gesundheitliche Beeinträchtigungen oder Schädigungen von Menschen zu vermeiden oder zu beseitigen […]“

Hinsichtlich der Bewertung von Schadstoffen in der Raumluft stützt sich der ÖGD auf die Veröffentlichungen des Umweltbundesamtes. Zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung setzt die dort angesiedelte Ad-hoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte der Kommission Innenraumlufthygiene und der Obersten Landesgesundheitsbehörden Richtwerte (I = Vorsorgewert, II = Gefahrenwert) für die Innenraumluft fest. Diese schließen organische (mikrobiologische, wie z.B. Schimmelpilze) und anorganische (chemische, physikalische) Parameter ein und beruhen auf wissenschaftlichen Langzeituntersuchungen bei Mensch und Tier.

So fungiert z.B. für die Gruppe der trizyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe das Naphthalin als Leitsubstanz in der Innenraumluft. Allerdings liegen bis heute keine belastbaren Daten zur gesundheitlichen Wirkung von eingeatmetem Naphthalin auf die Gesundheit des Menschen vor. Tierexperimentell stellen zytotoxisch entzündliche Veränderungen des nasalen Epithels der Ratte den kritischen Endpunkt dar. Aus diesen Experimenten und dem momentanen Erkenntnisstand leitet die Ad-hoc-Arbeitsgruppe ihre Richtwerte und die darauf beruhenden Empfehlungen für nachfolgende Maßnahmen ab. Diese wurden im Bundesgesundheitsblatt Nr. 56, 2013 (1448-1459) veröffentlicht. Danach wird der

– Richtwert I (Vorsorgewert) in Höhe von 0,01mg Naphthalin/ m³ und der
– Richtwert II (Gefahrenwert) in Höhe von 0,03 mg Naphthalin/ m³ festgelegt.

Die Ad-hoc-Arbeitsgruppe ist der Auffassung, dass die genannten Richtwerte vor einer zytotoxisch entzündlichen Wirkung und damit auch vor einer langfristig möglichen krebserzeugenden Wirkung von Naphthalin hinreichend schützen.

1) Untersuchungen nach chemischen Schadstoffen oder mikrobiologischen Belastungen:

– Kita/Hort: Anlass: Beschwerde: 2 / Begehung durch 53.21 oder Info von 17.2/17.3: 14 / Gesamt 16
– Schulen: 5 / 9 / 14

Die Untersuchungen selbst werden durch das Gesundheitsamt nicht durchgeführt. Bei Bedarf erfolgen diese im Rahmen eines Amtshilfeersuchens durch die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen im Freistaat Sachsen (LUA Sachsen). Der Untersuchungsumfang ist dabei begrenzt. Die LUA Sachsen hat die Untersuchungen bzgl. eines Humanbiomonitorings vor Jahren eingestellt.

2) 2.1. Schimmelpilze: Es erfolgten Untersuchungen auf Belastungen durch vermehrungsfähige Schimmelpilzsporen in 13 Fällen (10 x Kita; 3 x Schulen).

Schimmelpilzquellen im Innenraum sind aufgrund des Prinzips des vorbeugenden Gesundheitsschutzes zu beseitigen. Generell ist aus Vorsorgegründen die Exposition im Innenraumbereich niedrig zu halten, so dass sie im Rahmen der üblichen Hintergrundwerte bleibt. Es gibt zurzeit keine verbindlichen Bewertungskriterien des Umweltbundesamtes für die Beurteilung von Schimmelpilzbelastungen im Innenraum.

Bei der Feststellung von Schimmelpilzbefall durch Kita/Hort/Schulen etc. erfolgt generell eine Visitation und Beprobung durch das Gesundheitsamt.

2.2. Chemische Innenraumluftschadstoffe: Es erfolgten Untersuchungen auf Belastungen durch chemische Innenraumluftschadstoffe in 3 Kitas und 10 Schulen. Für 7 Objekte u.a. mit den nachfolgenden Feststellungen:

– Hort Mittelbach: Schadstoff, Problem: Fremdgerüche / Bemerkung: Sanierungen nicht abgeschlossen
– FS Pestalozzi: Naphthalin und Naphthalin-ähnliche Verbindungen / Sanierungsmaßnahmen laufen, Messungen werden durchgeführt
– Kita Pestalozzistraße: Naphthalin und Naphthalin-ähnliche Verbindungen / Feststellung erfolgte 2017, Veranlassung Lüftungsregime, Sanierungsmaßnahmen in Vorbereitung
– BSZ Schlossstraße: Naphthalin und Naphthalin-ähnliche Verbindungen / Einzelmaßnahmen erfolgten
– GS Flemmingstraße: Naphthalin und Naphthalin-ähnliche Verbindungen / Sanierung erfolgt
– BSZ für Technik I: Naphthalin und Naphthalin-ähnliche Verbindungen / Sanierung im Gange
– BSZ für Gesundheit: Benzaldehyd u.a. / organisatorische Maßnahmen (Lüftungsregime)

2.3. Innenraumlufthygiene in Verbindung mit RLT-Anlagen (Raumlufttechnische Anlagen): Im Rahmen der hygienischen Prüfungen von RLT-Anlagen nach VDI 6022* werden die Anforderungen an die Luftqualität, die von einer lüftungstechnischen Anlage geliefert wird, geprüft.

*(Versorgt eine lüftungstechnische Anlage Arbeitsstätten, fällt sie automatisch unter das Arbeitsschutzgesetz und die untergeordneten Regelwerke und muss permanent auf dem Stand der Technik gehalten werden. Dieser entspricht aktuell der VDI 6022, wonach dieses technische Regelwerk auch zwingend umzusetzen ist. In der Arbeitsstättenverordnung (§ 4) wird zudem verlangt, dass raumlufttechnische Anlagen (RLT-Anlagen) regelmäßig auf ihre Funktion geprüft werden müssen. Sie müssen gesundheitlich verträgliche Luft liefern und betriebssicher funktionieren. In der VDI 6022 entspricht diese Prüfung der so genannten Hygieneinspektion. Diese ist für RLT-Anlagen in Abständen von 2 Jahren (Anlagen mit Luftbefeuchter) bzw. 3 Jahren (Anlagen ohne Luftbefeuchter) vorzunehmen. Die Anlagenprüfungen müssen durch qualifiziertes Personal durchgeführt werden und bestimmte Mindestanforderungen erfüllen).

Es wurde mit der Messung von CO2-Gehalten in den Aufenthaltsbereichen begonnen. Es liegen jedoch noch keine verwertbaren Ergebnisse vor. Die Einrichtungen werden dabei für die Problematik CO2-Gehalt sensibilisiert und auf die Möglichkeit der Ausleihe von Ampeln hingewiesen.

3) Entsprechend der Stellungnahme zum Beschlussantrag Nr. BA-041/2015 wird bei den Schadstoffmessungen in öffentlichen Gebäuden die einzelfall- und anlassbezogene Vorgehensweise im Zusammenhang mit Komplett- oder Teilsanierungen oder auch bei begründeten Verdachtsmomenten praktiziert. Diese wird ergänzt durch das kontinuierliche Präventionsangebot einer CO2-Ampel-Ausleihe für Schulen und Kitas.

4) Nein, die gibt es nicht, wohl aber auf der Webseite der Stadt Chemnitz (Soziales und Gesundheit – Gesundheit – Ausstellungen/Ausleihen – Luftgüteampel/Lärmampel) allen Gemeinschaftseinrichtungen und nachfragenden Bürgern zugängliches Informationsmaterial („Informationen zur Raumluft in Schulen und zur Luftgüteampel“) einschließlich der Möglichkeit zur Ausleihe der Luftgüteampeln im Gesundheitsamt der Stadt.

Von dieser Möglichkeit machen die Gemeinschaftseinrichtungen (Schulen, Kitas) seit mehreren Jahren Gebrauch. Die Einrichtungen erhalten in der Regel in diesem Zusammenhang die Broschüre „Leitfaden für die Innenraumhygiene in Schulgebäuden“ des Umweltbundesamtes.

Der aktuelle Preis für eine Luftgüteampel liegt bei 166,89 €. Unter der Annahme, dass jede Gemeinschaftseinrichtung der Stadt (also 125 Schulen und 75 Kita/Horte) mit einem dieser Messgeräte ausgestattet werden sollte, müssten also rund 33.500 € eingeplant werden.

Freundliche Grüße
i.V. Miko Runkel
Philipp Rochold
Bürgermeister