Chemnitzer Modell auf der Reichenhainer Straße (RA-145/2018)

vom 6. März 2018

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, ich bitte um die Beantwortung folgender Fragen:
1) Warum wurde der Platz zwischen TU-Mensa und Neuem Hörsaalgebäude an der Reichenhainer Straße nicht als „shared space“ konzipiert? Denn nach wie vor bleibt er damit trotz Tempo 20 von einer Straße und nunmehr auch Bahngleisen durchtrennt und versteht sich für die (wartepflichtigen) Fußgänger nicht als Einheit.
2) Handelt es sich darüber hinaus bei den Asphaltierungen des Platzes um eine Übergangslösung für welchen Zeitraum oder einen Dauerzustand? Welche Veränderungen plant ggf. der Eigentümer/Bauherr?
3) Warum wird die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 20 km/h stadteinwärts ab Höhe der Mensa und in die entsprechende Gegenrichtung aufgehoben und nicht auf wenigstens 30 statt 50 km/h reduziert? Denn andernfalls kann von einer Verkehrsberuhigung keine Rede sein, außer dass weniger Autos fahren.
4) Gab/gibt es diesbezüglich Geschwindigkeitsmessungen oder vergleichende Verkehrszählungen mit welchen Ergebnissen?
5) Beim Ein- und Ausbiegen der Straßenbahn in die Turnstraße entsteht (scheinbar aufgrund (zu) enger Kurvenführung) eine hohe Geräuschkulisse. Wurden/werden Lärmmessungen vorgenommen und inwiefern kann dieses Problem auch im Sinne der Anwohner zeitnah und dauerhaft gelöst werden?

Falk Müller

Antwort: Sehr geehrter Herr Müller, zu Ihrer Ratsanfrage teile ich Ihnen im Auftrag der Oberbürgermeisterin Folgendes mit:

1) Die Verwaltungsvorschrift-StVO stellt aus Sicherheitsgründen sehr strenge Bedingungen an die Ausweisung von verkehrsberuhigten Zonen nach dem Shared-Space-Prinzip, die hier u.a. durch die baulich gestalteten Fahrbahnen nicht erfüllt sind. Nach Straßenverkehrsrecht kommen für die Straßen, für welche häufig weder Fußgängerzonen noch verkehrsberuhigte Bereiche möglich bzw. zulässig sind, Anordnungen von Tempo-20-Zonen in Betracht. Die Verkehrsflächen sind i.d.R. getrennt, d.h. sie werden mit möglichst einfachen Mitteln voneinander abgegrenzt. Der Campusplatz ist als verkehrsberuhigter Geschäftsbereich ausgewiesen, da es sich hier um einen zentralen städtischen Bereich mit hohem Fußgängeraufkommen und überwiegender Aufenthaltsfunktion entsprechend § 45 (1d) StVO handelt. Der Bereich weist eine erkennbare städtebauliche Einheit auf, auch wenn die Fahrbahnen und die Gleise durch diesen platzartigen Straßenraum verlaufen.

2) Neben der intensiven Begrünung bestand ein wesentliches Ziel der Platzgestaltung in einem einheitlichen Oberflächenbelag zwischen den TU-Hörsaalgebäuden und der TU-Mensa, der von einem Passepartout umgrenzt wird. Um den unterschiedlichen Funktionen, denen der Platz nach seiner Fertigstellung ausgesetzt ist, gerecht zu werden, musste ein robustes, strapazierfähiges und dennoch kostengünstiges Material gefunden werden. Die stärksten Beanspruchungen resultieren aus dem Kfz-Verkehr, wobei die intensive Belastung durch Linienbusse besonders zu beachten war. Die Auswahl des Oberflächenbelages hatte unter v.g. Gesichtspunkten zu erfolgen und es wurde entschieden, Asphaltbeton mit hellen Zuschlagstoffen einzusetzen, dessen Oberfläche durch Schleifen weiter aufgehellt wird. Das Schleifen wird bei geeigneter Witterung im II. Quartal dieses Jahres erfolgen.

3) Eine geschwindigkeitsbeschränkte Zone war im Zuge der Planung Chemnitzer Modell nur im Bereich des Campusplatzes vorgesehen. Eine Verkehrsberuhigung ist nicht immer mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung gleichzusetzen. Mit der Verlagerung des Durchgangsverkehrs auf die Fraunhoferstraße ist der Kfz-Verkehr um ein erhebliches Maß zurückgegangen. Die Querungsstellen für Fußgänger sind klar definiert und gut einsehbar, wobei immer nur eine Fahrspur überquert werden muss. Es liegt keine Rechtsgrundlage für die Anordnung einer Geschwindigkeitsbeschränkung für die nachfolgenden Streckenabschnitte vor.

4) Nach dem Umbau der Reichenhainer Straße im Zuge des Chemnitzer Modells Stufe 2 sind noch keine Verkehrszählungen erfolgt. Es ist geplant, im Rahmen der jährlichen manuellen Verkehrszählungen die Reichenhainer Straße dieses Jahr mit zu erheben, um verkehrliche Wirkungen der Baumaßnahme zu ermitteln. Ein genauer Termin dafür steht noch nicht fest.

5) Die gesamte Strecke, also auch die angesprochenen Gleisbögen wurden entsprechend der BOStrab-Trassierungsrichtlinie und den Regelwerken der CVAG geplant. Die Mindestradien werden demnach nicht unterschritten und sind straßenbahntypisch. Die so genannten kreischenden Geräusche, auch manchmal als Kurvenquietschen bezeichnet, sind bei Straßenbahn nie völlig auszuschließen. Mit Hilfe von Schienenschmieranlagen, die gezielt den Schienenkopf und die Fahrflanke mit speziell dafür hergestelltem Schmiermittel benetzen, wird einer zu hohen Geräuschentwicklung entgegen gewirkt. Im Gleisbogen Turnstraße/Stadlerplatz ist eine solche Anlage eingebaut. Die Geräuschentwicklung ist jedoch auch witterungsabhängig, da das Rad-/Schienensystem bei unterschiedlichen Temperaturen und Luftfeuchten unterschiedliche Materialeigenschaften (Stahl auf Stahl) aufweist. Des Weiteren schleift die CVAG regelmäßig ihr Streckennetz, um geräuscherzeugenden Unebenheiten auf den Fahrschienen entgegenzuwirken.

Mit freundlichen Grüßen
Michael Stötzer
Bürgermeister